Von guten und schlechten Tagen

Heute sollte nun wieder ein Reisetag zu unserem nächsten Ziel werden, einem Bergdorf namens Bandungan. Unser Wirt hatte uns eine Karte mit den Verbindungen und üblichen Preisen aufgezeichnet, so dass wir uns gut gerüstet fühlten. Was machte es da schon, dass der schaukelnde Mini-Bus hinunter nach Wonosobo überfüllt war, wir den großen Rucksack nicht abstellen konnten oder wieder mal ein Kind direkt hinter uns sich auskotzen musste? Ich schaffte es nicht gleich mitzukotzen, und das war keine schlechte Leistung. Beim Aussteigen hatten wir die fälligen 20.000 Rupien passend, doch der Wille des Fahrers uns über den Tisch zu ziehen war stärker. Grimmig mussten wir mal wieder den Touri-Aufschlag aushändigen. In Wonosobo holten wir uns zunächst neues Bargeld für die nächste Station. Von der Stadtmitte zum Busterminal sollten wir nochmal in ein Bemo umsteigen, und wir fragten eine Ladeninhaberin in unserem besten Indonesisch, was das wohl kosten sollte. Sie und ihre Kunden waren sich einig: 4000 Rupien für zwei. Das Bemo kam, und auf Nachfrage sagte man uns: ihr müsst 6000 zahlen. Schon wieder! Wir waren jetzt in Form und sagten einfach nein, aber stehen lassen wollte man uns dann doch nicht, und grinsend winkte man uns für 4000 durch. HA! Wir waren stolz auf uns.

Am Busterminal angelangt nahm uns eine Frau an die Hand, die uns, ohne uns wirklich zu verstehen, durch das Terminal lotste. Sie schien allen die sie traf etwas über uns mitzuteilen, und alle versuchten uns daraufhin irgendwie etwas mitzuteilen. Wir verstanden fast nix, aber wurden durchgereicht bis wir in einem Bus saßen, der schon bessere Zeiten gesehen haben musste. Durch die vielen rauchenden Fahrgäste war im Innenraum alles ohnehin so vernebelt, dass vom Bus nur noch wenig zu sehen war. Auf der langen Fahrt wurde uns irgendwann klar, dass dieser Bus gar nicht in die Stadt fuhr, nach der wir gefragt hatten. Wir versuchten vom Kontrolleur und unseren Sitznachbarn herauszufinden, wann wir am besten aussteigen sollten, um vielleicht noch richtig am Ziel zu landen. Keiner verstand uns so richtig, oder wir verstanden die Antworten nicht. Schicksalsergeben hoppelten wir durch die Landschaft. Schließlich schickte man uns an einem Busterminal nach draußen, und wir besorgten uns erstmal was zu essen. Eine junge Frau sprach uns an und wir freuten uns, dass sie ein bißchen englisch konnte. Tatsächlich sollte von hier ein Bus nach Ambawara fahren, und da wollten wir hin. Ein Bus hielt an, aber die Fahrgäste fielen wegen Überfüllung fast aus den Türen. Der nächste sah nicht wirklich leerer aus, aber hatten wir eine Wahl? Also rein. Es war eng, es war heiß, es war verqualmt, und das Gefährt schien kurz vor dem Auseinanderfallen in einzelne Roststückchen zu stehen. Mir wurde netterweise ein 30 cm breiter Streifen auf der Gepäckbank freigeschoben, wo ich Riese zwischen drei winzigen Indonesen und unseren Rucksäcken eingeklemmt wurde. Heyko stand im Gang, und überragte die anderen in der Sardinendose um Längen. Auch diese Busfahrt müsste ja wohl irgendwann ein Ende nehmen… man stumpft irgendwann ab.

Wir wussten mal wieder nicht genau wann wir aussteigen sollten, und ziemlich überraschend kam von einem Fahrgast ein Zuruf, dass sofort ein guter Zeitpunkt sei. Der Bus hielt seine rasante Fahrt kurz an und wir stolperten aus der Tür. Während der Bus schon losfuhr, warf man uns noch Heykos Hut hinterher, und dann erst fiel uns plötzlich auf, dass etwas fehlte. Der Geldbeutel mit den Kreditkarten, dem ganzen Geld und anderen wichtigen Papieren war fort. Es half alles nichts, man hatte uns beklaut. Nach dem ersten Schock versuchten wir so schnell wie möglich die Karten telefonisch zu sperren, aber die üblichen Nummern waren zum Teil gesperrt. In der Nähe war eine Polizeistation, und wir versuchten unser Problem zu erklären. Die Polizisten waren sehr nett, aber nur einer auf der Wache sprach sehr wenig englisch. Wir durften in seinem Büro ins Internet und konnten  so zumindest die Hauptkreditkarte per Email sperren. Dann hatte unser Polizist die clevere Idee, sich über google-translate mit uns zu unterhalten. Das klappte bis auf wenige sinnfreie Übersetzungen ganz ordentlich, und auch ein Kollege schaltete sich dann dazu und wir konnten uns einigermaßen verständigen. Obwohl die Lage für uns gelinde gesagt übel war, war die Situation auch total komisch. Da saßen wir mit uniformierten Polizisten beieinander, schlürften mit Strohhalmen Wasser aus Plastikbechern und chatteten über einen Dienstlaptop. Jedesmal wenn google was Sinnvolles ausspuckte, freuten wir uns alle  miteinander.  Zwischendurch guckte man ratlos, wenn Sätze auftauchten wie: “The brothers and sisters go to Semarang it is my responsable sorry.”

Es stellte sich heraus, dass wir der Verantwortlichkeit einer höherrangigen Polizeiwache übergeben werden mussten. Das hieß noch länger warten, und noch später an unserem Ziel ankommen. Es war schon dunkel, als man uns im Streifenwagen in die nächst größere Stadt fuhr. Dort angekommen ließ man uns zunächst auf einer Holzbank sitzen, uns gegenüber ein rauchender und telefonierender Polizist. Dann trat der Chef in Erscheinung. Seine Uniform war beeindruckend dekoriert, aber er sprach kein Wort englisch. Mit großer Autorität wurde eine Verlustanzeige erstellt, die soweit wir erkennen konnten relativ weit von der Wahrheit entfernt war. Uns war es mittlerweile egal. Es wurde immer später und wir waren nicht sicher, ob der ganze Aufwand überhaupt einen Sinn ergab. Nach gefühlten Stunden fuhr uns der Chef (bzw. sein Fahrer) persönlich zu einem Geldautomaten. Zum Glück hatten wir mittlerweile den Pin von der bisher nicht genutzten Zweitkarte herausbekommen, und hatten wieder etwas Geld in der Tasche. Und dann passierte etwas wirklich Gutes. Zwei nette junge Polizisten waren so freundlich, uns (mit BlaulichteinsatzSmiley ) an unser Endziel Bandungan zu fahren. Kein Bus mehr, kein Taxi und kein Bemo. Stattdessen Klimaanlage, weiche Polster und ein Privatshuttle bis zu einem Hotel. Die beiden waren total hilfsbereit und gingen sogar noch die Zimmer mit uns besichtigen, und wollten zum Abschluss sogar ein Foto mit uns machen. Wir waren echt froh dass dieser besch…  lange Tag ein Ende nahm. Schlafen, und aus.

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Das Zimmer war uns eigentlich völlig egal, deswegen hatten wir wohl auch beim reingehen einfach ok ok gesagt.  Es war fensterlos, halb unterirdisch, muffig und feucht. Es gab keine Dusche und das Bettzeug hatte mindestens schon ein Gast vor uns beschlafen. Am nächsten Tag wollte vor allem Heyko nichts wie weg, aber mir hämmerte der Schädel vor Migräne und die Magenkrämpfe waren auch wieder da. Es gab nicht mal Frühstück. Heyko hätte dringend ins Internet gemusst um noch eine Karte zu sperren, aber es gab kein Internet. Wir taten uns leid und hatten Heimweh. Irgendwann ging es mir ein bißchen besser, und wir packten unseren Kram um eine bessere Unterkunft zu suchen. Es ging nur steil bergab oder steil berghoch. Oben auf dem Berg sollte die einzige Unterkunft hier mit Wifi sein, aber nach 300 Metern in der Hitze gaben wir auf und dackelten den Berg wieder hinunter. Es ging nichts mehr. Als wir fast alle Hoffnung aufgegeben hatten, ließ man uns in einem Beauty-Salon einfach so den Hotspot nutzen.

Und dann fanden wir auch noch ein HotelSmiley Eine Ruheoase in einer schön gepflegten, weitläufigen Gartenanlage. Ein großes luftiges Zimmer mit sauberen Decken und Handtüchern, einer Terrasse mit Bergblick und einem heißen Tee zur Begrüßung. Und wir bekamen sogar eine Rolle Toilettenpapier – hier eine wenig verbreitete Geste, das sich die muslimische Bevölkerung mit Wasser statt mit Papier reinigt. Vor unserer Türe ist eine große Steintreppe, auf der wir abends nach langer Zeit mal wieder ein kaltes Bier getrunken haben – Bier gibt es hier nämlich auf Java nämlich auch nur an ausgewählten Orten, wenn eine Zulassung besteht. Wir haben uns hier direkt richtig wohl gefühlt. Für drei Tage wollen wir hier bleiben, um den Akku mal wieder aufzuladen.

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2 Gedanken zu „Von guten und schlechten Tagen

  1. Bouah! Hallo, liebe Doro! Was für ein toller Bericht – echt tragig-komisch! Ich wußte beim Lesen wirklich nicht, ob mir eher nach Lachen oder eher nach Heulen war. Vielen, vielen Dank, daß wir hier zuhause an eurer Reie teilhaben dürfen! GLG, Axel (Wiesbaden-Auringen)

  2. Hi,

    Toller Bericht, das mit der Geldbörse ist ja echt ärgerlich! Wünsch euch dennoch gute Weiterreise.

    Der Satz, der bei Google kein Sinn ergab: Könnte der bedeuten? “Es tut mir sehr leid, dass meine Landsleute solche Dinge tun. Ich fühle mich dafür mitverantwortlich.”

    Dsd entspräche der asiatischen Mentalität, sich bei Ausländern zu entschuldigen~~

    Viele Grüsse
    Sunny

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