Kawah Ijen

Fendy, unser Guide, ist ein richtiger Glücksfall. Er hat gute Ideen, ist lustig und sehr sympathisch. Heute nacht möchte er um 1 Uhr mit uns auf den Vulkan Ijen im Osten Javas wandern. Um halb eins klingelt der Wecker. Wir hatten kaum Schlaf, denn in der kurzen Nacht wurden wir mit Gesang und Gebeten aus dem Lautsprecher der nahen Moschee beschallt. Der Fastenmonat Ramadan geht in ein paar Tagen zu Ende, und die vorwiegend muslimische Bevölkerung lässt bis dahin die Nacht zum Tag werden. Wir steigen in den Geländewagen und es geht los. Wir fahren staunend durch den Ort: überall sitzen die Leute an den Essensständen (ab 4 Uhr morgens wird wieder gefastet) und auf den Straßen spielen die Jungs Fußball. Nach einer Stunde geht es den steilen Anstieg auf den Ijen hoch, sogar der 4×4 hat stellenweise Probleme. Am ersten Checkpoint steigen wir fröstelnd aus und gehen los, froh über unsere Jacken.

Unser Guide weiß jede Menge Interessantes zu berichten über den Ijen und  über die Leute, die hier arbeiten. Der Kawah Ijen ist ein aktiver Vulkan, in dessen Krater sich ein großer See befindet. Das Wasser ist warm und schwefelsäurehaltig. Oberhalb des Wassers sieht man nachts blaues Feuer, wo flüssiger Schwefel brodelnd aus dem Berg nach oben strömt. Die entstehenden Gase lassen bei der Verbrennung die blaue Farbe entstehen, die man allerdings nur in Nacht sehen kann. Am Kawah Ijen arbeiten etwa 40 Männer, die den Schwefel abbauen und aus dem Krater nach oben und dann wieder hinunter bis zum Checkpoint befördern. Abnehmer ist eine chinesische Firma, die den Schwefel an die Arzneimittel- und Kosmetikindustrie weiter verkauft.

Das alles erzählt uns Fendy, während wir mit Mühe den steilen Berg nach oben stapfen, der kein Ende zu nehmen scheint. Nach einer Weile kommen wir zum zweiten Checkpoint. Es ist noch stockdunkel. Im Licht der Taschenlampen zeigt uns Fendy die hier abgestellten Körbe mit gelben Schwefelbrocken, die die Männer heute früh schon hierher getragen haben. Der Schwefel sieht aus wie leichter gelber Schaumstoff, aber man das täuscht. Um die 70 Kilo wiegt eine “normale” Ladung. Die Arbeiter bekommen pro Kilo 600 Rupien, das sind 4 – 5 Cent. Um auf einen Tageslohn von 6 Euro zu kommen, müssen sie den Weg zweimal am Tag bewältigen. Was das bedeutet, können wir erst am Ende der Tour erahnen: rutschige steile Lehmwege bis hoch auf den Berg, über loses Geröll steil bergab bis hinunter in den Krater, dann  mit vollen Körben wieder den Krater hoch, den ganzen Berg wieder runter bis zum unteren Checkpoint, wo die Körbe gewogen werden. Eine Strecke ist 3km lang. Wir waren trotz einiger Pausen ziemlich erschöpft, und wir mussten zwischendurch weder Schwefel aus dem Berg hacken noch 70 Kilo auf dem Buckel schleppen, ach ja: und wir mussten nur einmal hoch und runter.

Da Fendy die meisten Arbeiter gut kennt, zeigt er uns auch gleich ihre Behausung. Weil der Weg bis zum nächsten Dorf zu Fuß zu lang und alles andere zu teuer wäre, hausen die Männer zusammen in einem Holzverschlag direkt am oberen Checkpoint. Einmal die Woche fahren sie heim, um ihrer Familie das Geld zu bringen und sich für die Woche Reis zu besorgen. Ein alter Mann zeigt uns ungefragt die Hütte: seinen Schlafplatz mit blättergefüllten Plastiktüten als Matratzen, die verqualmte Kochecke, wo über einem Holzfeuer auf dem lehmigen Boden ein Topf Reis vor sich hin kokelt. Sonst gibt es nichts: kein Wasser, kein Strom, keine Toilette und überhaupt keine Privatsphäre.

Wir stapfen langsam weiter bergauf. Immer wieder machen wir am Wegrand Platz für die Männer, die uns mit den noch leeren Körben mühelos überholen oder uns schwer beladen entgegen kommen. Dann wird es flacher, und plötzlich sind wir am Kraterrand angelangt. Der Weg nach unten ist schmal und nicht ganz ungefährlich, die Steine sind nicht befestigt. Fendy schnappt sich meine Hand damit ich nicht stolpere, in der anderen halte ich die Taschenlampe um zu sehen wo es lang geht. Dann kommen weit unter uns die blauen Flammen in Sicht. Es sieht fantastisch aus. So was habe ich noch nie gesehen, wir setzen uns im Dunkeln auf den Boden und gucken uns die blaue Lichtershow an wie in einem riesigen Kino. Fendy führt uns noch näher an die Stelle heran, denn unterhalb davon sprudelt der flüssige Schwefel aus dem Boden. Hier sind auch die Arbeiter zu Gange. Sobald der Schwefel sich genug abgekühlt hat, verfestigt er sich. Mit einer Hacke brechen die Arbeiter Stücke davon heraus, die sie sich dann in ihre Körbe legen.

Java_Banyuwangi_Ijen_007

Fendy unterhält sich mit einem jungen Mann, der uns ein Stück noch warmen Schwefel in die Hand drückt. Dann dreht auf einmal der Wind, und wir stehen mitten in einer dichten Schwefelwolke, so dass einem die Luft wegbleibt und die Augen brennen. Wir gehen wieder ein Stück nach oben. Wir setzen uns auf eine mit Plane überdachte Holzbank, die einzige im ganzen Krater. Fendy zaubert etwas Benzin hervor, das er hier versteckt hat, macht aus Holz und herumliegendem Müll (leider fast überall zu finden…) ein Feuerchen. Hier warten wir auf den Sonnenaufgang, bis dahin haben wir noch fast eine Stunde Zeit. Es ist ganz still (Fendy schläft nämlich fast sofort einSmiley ) und wir schauen uns das kleine orange Holzfeuer und das große blaue Feuer in der Tiefe des Kraters an.

Java_Banyuwangi_Ijen_009Java_Banyuwangi_Ijen_005

Immer wieder stapfen Arbeiter vorbei, die schweren Körbe auf den Schultern. Langsam wird es hell, und um uns herum taucht die Landschaft im Inneren des Vulkans auf. Die blauen Flammen verschwinden, stattdessen erscheinen gelbe Schwefelwolken, ein riesiger Kratersee und eigenartige Felsformen wie in einer Mondlandschaft. Fendy wacht irgendwann auf und wir gehen hoch zum Kraterrand. Auf dem Weg verteilen wir Kekse an die Männer, die uns begegnen. Wir haben jede Menge besorgt, denn Fendy hat uns vorher schon gesagt, dass die Arbeiter sich über eine kleine Stärkung freuen. Einige lehnen ab oder stecken sich die Kekse für abends ein, sie halten sich streng an die Fastenzeit. Arbeiten dürften sie jetzt eigentlich auch nicht: einer der Männer erklärt Fendy, dass er sich “nur” 50 Kilo aufgepackt hat, da er den Ramadan respektieren möchte. Gar nicht zu arbeiten kann er sich nicht leisten.

Java_Banyuwangi_Ijen_021Java_Banyuwangi_Ijen_023

Wir sind schwer beeindruckt von der Freundlichkeit der Arbeiter, die meisten haben trotz des Knochenjobs ein Lächeln für uns übrig und machen mit Fendy oder untereinander Scherze, während sie sich den Berg hochschleppen. Einer zeigt uns seine von den Jahren durch die Tragestange verformte Schulter, ein anderer kommt uns mit Sandalen entgegen und man erkennt dass seine Füße sehr in die Breite gegangen sind. Mir geht es genauso, wie Fendy uns vorhergesagt hat: nach der Begegnung mit den Schwefelträgern vom Kawah Ijen überlegt man sich zweimal, ob man wirklich so über seinen Job stöhnen muss. Die Tour hinterlässt Spuren… weil es wunderschön war, wegen der Menschen die wir heute getroffen haben und nebenbei sind wir auch hundemüde, als wir gegen 9 Uhr wieder an der Unterkunft ankommen.

Java_Banyuwangi_Ijen_034Java_Banyuwangi_Ijen_018

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*