Einreise nach Kambodscha

Während Heyko auf dem Mekong schipperte, machte ich mit meiner Mutter eine Woche herrlichen Strandurlaub auf der Insel Ko Chang  – mit weißem Sand und Palmen, Barbecue am Meer und viel Lesezeit. Am 7.11. gingen es für sie dann wieder Richtung Bangkok und dann nachhause. Ich hatte mir ein Busticket nach Siem Reap in Kambodscha organisiert, um ab dort wieder mit Heyko zusammen zu reisen. Die Reise von der Insel startete um 7 Uhr früh, der Minibus mit einem sympathischen und gut gelaunten Fahrer brachte uns zur Fähre und dann weiter bis kurz vor die Grenze. Im Bus fielen mir zwei von Kopf bis Fuß tätowierte Typen auf, die ich später noch besser kennenlernen sollte. Auch eine nette junge Chinesin, mit der ich ein paar Worte wechselte. Die Fahrt war bis zur Grenze ruhig und ich hatte ein super spannendes Buch am Start, mal wieder eins auf Niederländisch: “Was du tust wenn jemand stirbt” von Nicci French. Für die lange Fahrt war ich gut ausgerüstet und hatte sogar endlich einen neuen Kopfhörer für meinen MP3-Player besorgt, auf dem auch noch ein spannendes Hörbuch auf mich wartete.

Vor der Grenze wurden wir von unserem netten Fahrer an einer Visa-Stelle abgesetzt, von dort an sollten wir von einem anderen Bus mitgenommen werden. Jede Menge junger Männer stürzten sich auf uns, um uns unsere Pässe, Fotos und Geld für das Einreisevisum nach Kambodscha abzuknöpfen. Nach einer Stunde hatte jeder von uns endlich den Visa-Aufkleber im Pass und war um eine hübsche Summe erleichtert, da von den findigen Visa-Scouts verschiedene unerfindliche Zuschläge auf den offiziellen Preis aufgeschlagen wurden. Wir wurden mit einem kleinen offenen Bus weiter Richtung Grenze gebracht. Wieder ein Halt, dann standen wir vor der ersten Grenzstation und sollten mit dem Gepäck zu Fuß durch zwei Stempelstellen gehen. Es war alles voller Menschen, wir wurden noch vor häufigen Diebstählen und anderen Touristenjägern gewarnt, und los ging es. Das Ausstempeln von Thailand ging flott, doch vor der Einreisestelle 300m weiter standen Schlangen, die sich nur im Schneckentempo bewegten. Nach einer guten Stunde war ich endlich an der Reihe. Doch den Stempel bekam ich nicht. Mir fehlte ein Formular, das mir mein überbezahlter Visa-Scout wohl vergessen hatte zu geben. Ich bekam Order mir das Formular (wo???) zu besorgen und sollte mich danach wieder hinten anstellen, oh Graus. Zum Glück half mir einer der beiden Tätowierten, der sich einfach aus der Schlange herausdrängte (verboten) und mir zeigte, wo man das Formular seiner Meinung nach bekommen könnte. Ich spurtete außerhalb des Gebäudes zurück (verboten), fand einen Beamten der mir ein Exemplar gab. Nun noch ausfüllen, aber bitte nicht wieder anstellen! Meine Reisegruppe und der Weitertransport wären sonst sicher außer Sicht. Ich ging durch den Ausgang wieder in Richtung vorderes Schlangenende (verboten!) und schaffte es mich gerade noch hinter den letzten aus meiner Gruppe wieder an einen Schalter zu schmuggeln. Gut gegangen, aber ich war nass geschwitzt vor Stress. Hätte ich mal geahnt, das alles noch schlimmer kommen würde, hätte ich mich darüber gar nicht aufgeregt.

Wir wurden als Reisegruppe noch mehrmals getrennt, neu zusammengesetzt und in verschiedene Verkehrsmittel umgeladen, so dass man gar nicht mehr wusste mit welchem Unternehmen man jetzt unterwegs war. Schließlich stellte man uns vor die Wahl, an einem menschenleeren Busterminal noch zwei Stunden zu warten oder für ein paar Dollar extra direkt einen Transfer bis zu unserer jeweiligen Unterkunft zu bekommen. Da der spätere Bus erst um 22h, der “besondere Service” schon um 19h in Siem Reap ankommen sollte, entschieden wir uns fast alle für die Nachzahlung. Allein die Chinesin regte sich richtig auf über diese Abzocke und blieb in Gesellschaft eines Russen am Terminal, um auf den späteren Bus zu warten. Der neue Bus war ganz schön und bequem, der Fahrer machte ein paar Späßchen und versuchte uns noch mehr Geld abzuluchsen, aber dazu war jetzt keiner mehr bereit. Es ging los mit lauter Musik, hoher Geschwindigkeit und bei strömendem Regen. Natürlich gab es wie fast immer keine Sicherheitsgurte. Die Straßen wurden immer schlechter und löcheriger, aber das hatte ich schon vorher gehört. Mein Buch war so spannend und näherte sich dem Ende, so dass ich bald nichts mehr um mich herum mitbekam.

Auf einmal geriet der Bus ins Schleudern. Ich sah von meinem Buch auf und sah, das es draußen schon fast dunkel war und wir über eine Art Deich schlingerten, erst haarscharf am rechten Rand der Straße entlang, dann schlingerte der Bus nach links direkt auf die Böschung und das Wasser zu. Ich wusste dass wir einen Unfall haben würden und steckte ohne Nachzudenken den Kopf zwischen die Arme, wie ich es schon in so vielen Flugzeugen bei der Sicherheitseinweisung gesehen hatte. Ob das ein Glück war? Ich glaube schon. Plötzlich war ich mit dem Kopf unter Wasser. Ich kam irgendwie wieder an die Luft und sah eine Glasscheibe direkt über mir, aber ich stand bis zur Brust im Wasser. Die Angst mit dem Bus unterzugehen war so groß, dass ich vor lauter Panik gar keine Orientierung mehr hatte. Nach oben ging es nicht raus, und vor und hinter mir waren Sitze, Menschen und Gepäck in einem totalen Durcheinander. Im ersten Moment wollte ich nur nach draußen, verstand aber gar nicht wie und wohin. Dann bewegten sich andere nach vorne, wo offenbar die Frontscheibe des Busses beim Aufprall nachgegeben hatte. Da alles Gepäck direkt hinter dem Fahrer verstaut war, gab es kaum ein Durchkommen. Hinter mir schrie ein Mädchen auf Französisch, dass etwas mit ihren Beinen nicht in Ordnung sei. Mit ihrem Freund zusammen versuchte ich sie aus den Sitzen zu ziehen und mit ihr zu sprechen. Sie schien ihre Beine nicht mehr zu spüren und konnte sie auch nicht mehr bewegen.

Wir zogen sie rückwärts durch das Wasser aus dem Bus heraus und an die Uferböschung. Nach einer Weile kam jemand zu Hilfe und es gelang uns sie nach oben an den Straßenrand zu schaffen. Es regnete noch immer, wir waren alle durchnässt und fingen an zu frieren. Es dauerte ewig bis endlich ein Krankenwagen kam. Der Wagen nahm sie und ihren Freund mit und fuhr zurück Richtung Thailand. Kurz danach kam ein Polizeiwagen. Der nahm zwei weitere Frauen mit, von denen die eine stark im Gesicht blutete, und fuhr ebenfalls weg Richtung Thailand. Von der Menge Schaulustiger, die mit Autos oder Mofas angehalten hatte, blieben nur drei Männer zurück, und wir waren noch zu fünft aus der Reisegruppe. Außer mir waren da noch die beiden Tätowierten, Horst und Ecki, und ein Schweizer Pärchen, Karin und Flo. Wir wussten nicht ob uns irgendjemand hier wegbringen würde. Der Busfahrer war direkt nach dem Unfall verschwunden, wahrscheinlich weggelaufen. Es war dunkel. nass und kalt. Endlich kam ein großer Reisebus die verlassene Straße entlang und hielt an. Es war der Bus, mit dem wir eigentlich gefahren wären, denn darin saßen die junge Chinesin und der Russe. Der Fahrer nahm uns mit und wir setzten uns in Bewegung Richtung Siem Reap. Wir waren alle tropfnass und auch aus den Resten unseres Gepäcks floss das Wasser. Wir bekamen von den anderen Reisenden Handtücher und zogen fast alle Sachen aus. Ich fand noch ein neues Hemd in einer Plastiktüte in meinem großen Rucksack. Anziehen konnte ich es mir nicht mehr selber, weil mir meine linke Schulter so wehtat.

Die Fahrt war unwirklich und gruselig, denn die Fahrbahn war immer noch voller Löcher und Schlamm. Obwohl dieser Bus viel langsamer fuhr, hatten wir alle ein schlechtes Gefühl und riefen dem Busfahrer immer wieder zu, bitte noch vorsichtiger zu fahren. Nach einer guten Stunde waren wir endlich da. Ich wollte nur noch ins Hostel zu Heyko. Da die anderen noch keine Unterkunft gebucht hatten, fuhren wir alle zum Cashew Nut. Dort wollten wir alle  einen zusammen trinken um den Schock zu verdauen. Leider gab es für die anderen kein freies Zimmer mehr, aber sie buchten sich nebenan ein. Mir half man mit dem Rucksack die Treppe hoch, wo Heyko die Tür aufmachte. Den Rest des Abends versuchte ich mit einem Bier nach dem anderen das Kopfkino abzuschalten und die Schmerzen in der Schulter auszublenden. Obwohl ich an nichts anderes denken konnte, konnte ich kaum erzählen was passiert war. Sobald ich die Augen schloss ging der Film wieder los, und ich fragte mich die ganze Zeit wie es dem französischen Mädchen, Eleonore, jetzt gehen mochte.

Am nächsten Morgen fuhren wir nach dem Frühstück mit dem Mopedtaxi ins International Hospital. Das Krankenhaus war neu und modern, und sah eher nach einem schicken Hotel aus. Nach der Untersuchung kam die schlechte Nachricht. Das Schlüsselbein war gebrochen und Bänder gerissen, es musste operiert werden. Ich war irgendwie deprimiert aber auch immer noch froh, dass ich am Leben war und es hier offenbar eine sehr gute ärztliche Versorgung gab. Gott sei dank hatte Heyko die ganze Bürokratie mit der Krankenversicherung professionell im Griff. Er hatte schon in Deutschland alle Papiere eingescannt und digital abgelegt. Nach einem längeren Telefonat und einigen Emails lief alles für die Kostenzusage. Wenn ich mich darum in dem Moment hätte selbst kümmern müssen, hätte ich sicher einen Nervenzusammenbruch bekommen.

Ich hatte Glück im Unglück. Die Ärzte und Schwestern waren alle unglaublich freundlich und machten ihren Job einfach nur gut. Kurz vorher erlebte ich eine Überraschung. Eine Schwester fragte mich nach meinem Unfall und sagte mir, dass in der Nacht noch andere Personen wegen einem Busunglück eingeliefert worden waren. Ich fragte nach Eleonore und sie schien tatsächlich hier zu sein. Die Schwester brachte mich zu einem Zimmer ein paar Türen weiter und dort traf ich die Französin und ihren Freund wieder. Wir lachten und weinten beide. Sie war in der Nacht zu drei Krankenhäusern gebracht worden und schließlich hier gelandet, weil man ihr nicht helfen konnte. Sie hatte mehrere gebrochene Rückenwirbel. Ich verstand nicht ganz wie sie überhaupt noch lachen konnte, das Morphin hatte bestimmt auch damit zu tun. Man konnte sie auch hier nicht operieren, sie würde noch heute nach Thailand geflogen. Wir tauschten Adressen aus, ich hoffe irgendwann werde ich erfahren dass es ihr besser geht.

Meine OP fand am späten Abend statt. Heyko war mit dem TukTuk nochmal ins Hostel zurück um ein paar Sachen zu besorgen und kam dann wieder, bis es losging. Als ich aufwachte sagte mir der Arzt dass alles gut gelaufen wäre, und dann versuchte ich zu schlafen – aber das lassen sie einen ja höchstens 2 Stunden am Stück im Krankenhaus… Die nächsten beiden Tage tat mir alles weh, aber es gab Schmerzmittel, sehr gutes Essen und einen Fernseher. Auch die Schwestern waren sehr bemüht und aufmerksam. Das Beste waren aber Heykos Besuche, der sich jeden Tag von einem TukTuk den weiten Weg ins Krankenhaus und abends wieder zurück bringen ließ. Jetzt bin ich schon zwei Tage wieder im Hostel, und ein halber Pflegefall mit einem unbrauchbaren Arm. Heute haben wir uns sogar an einen Ausflug zu den Tempeln von Angkor Wat gewagt. Es geht mir langsam aber sicher immer besser, und in 6 Tagen können die Fäden gezogen werden. Zwei hochwertige -deutsche- Schrauben in der Schulter werden mir noch eine Weile erhalten bleiben. Die ganze Geschichte beschäftigt mich im Moment noch sehr, aber das therapeutische Aufschreiben hier hat irgendwie geholfen es ein Stück weit loszulassen.

Ich werde am 25.11. zurück nach Deutschland fliegen. Vielleicht kann ich im Frühjahr einen Flug nach Südamerika machen, um Heyko noch ein Stückchen auf der Reise begleiten zu können.

3 Gedanken zu „Einreise nach Kambodscha

  1. Hallo Doro,
    da ich gerade erst selbst operiert wurde habe ich die ganze Aufregung und den Unfall gar nicht mitbekommen.
    Wünsche Dir gute Besserung und alles Gute für die Weiterreise und Heimreise. Liebe Grüße an Heyko von Lars

  2. Hi Doro, wir sind heilfroh, dass du den Unfall so gut überstanden hast. Auf Skype haben wir Dir schon eine Nachricht hinterlassen. Wenn du am 25.11. in FFM landest, holen wir Dich gerne am Flughafen ab. Sag Bescheid, wann und wir kommen. Alles, alles Liebe und gute Besserung. LG Brigitta….

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